Jahresbericht 2016

Die politischen Ereignisse des letzten Jahres sind auch an den Bewohnern in der favela und unseren Projekten nicht spurlos vorübergegangen. Leider hat sich die soziale und politische Situation wieder verschlechtert. Die daraus resultierenden Probleme sind sehr vielschichtig.

Nach dem Regierungswechsel von Präsidentin Dilma Rousseff zu Präsident Michel Temer gab es neue staatliche Verordnungen, die uns vor große Herausforderungen stellen. Die Betreuung der Kinder und Jugendlichen wird immer schwieriger, da der Staat daran Bedingungen knüpft, die nicht immer leicht zu erfüllen sind. Das betrifft z.B.  die Essensversorgung mit 2 kompletten warmen Mahlzeiten am Tag, die ausreichende Anzahl an Betreuungskräften, sowie die Kosten für Bastelmaterial und Spiele.  Leider gibt es dafür im Gegenzug kaum finanzielle Unterstützung. 

Die Preise für Grundnahrungsmittel sind stark gestiegen und die Arbeitslosigkeit ist auch in der Mittelschicht angekommen. Für unsere Projekte heißt dies, dass uns dadurch weniger ehrenamtliche Helfer zur Verfügung stehen, da sie selbst das Einkommen ihrer Familie aufbessern müssen. Aus den Spenden müssen wir nun Betreuer finanzieren, sowie die Preise für die Lebensmittel ausgleichen, um die Essensversorgung zu gewährleisten.

Unsere Helfer vor Ort suchen ständig nach neuen Möglichkeiten, sich aus eigenen Mitteln zu finanzieren und wir sind froh, sie mit unseren Spenden bei einer Vielzahl der Aufgaben unterstützen zu können. Allerdings ist die Frustration über die staatlichen Kürzungen und Vorschriften immens und so beteiligten sich unsere Partner vor Ort, im Oktober an einer Demonstration, die auf die Probleme der Arbeit im sozialen Bereich aufmerksam machen sollte.

Es gibt aber auch sehr viel Positives zu berichten. Wir freuen uns, dass wir unser medizinisches Projekt „wohlgenährt und gesund“   weiterführen konnten. Unsere Leiterin, die Ärztin Dr. Maria Solange Gosik, wird auch weiterhin von jungen Ärzten und von Mitarbeitern aus der favela unterstützt.

Die Ambulanz konnte im letzten Jahr fast täglich durch Ärzte besetzt werden, die ihren Dienst dort ehrenamtlich leisten.  Dies ist neben ihrer beruflichen Tätigkeit eine immense Aufgabe, da sich auch der Zustand des staatlichen Gesundheitssystems zunehmend verschlechtert. Oftmals fehlt es an entsprechenden Medikamenten und/oder die Ärzte erhalten kein Gehalt.

Die Mitarbeiter aus der favela, werden durch unsere Spendengelder finanziert. Sie besuchen täglich Schwangere und junge Familien, helfen bei Problemen und besprechen dann die Fälle mit den Ärzten und vereinbaren Untersuchungstermine.

Ein großes Problem ist nach wie vor die Betreuung der Kinder und Jugendlichen außerhalb der Schule. In den Ferien verstärkt sich der Bedarf. Die brasilianischen Ferien sind im kompletten Juli, ab Mitte Dezember und im Januar.  Können die Kinder nicht durch die Familie betreut werden oder in einer sozialen Einrichtung, bleiben die Kinder allein zu Hause bzw. auf der Straße mit allen damit verbundenen Gefahren. Einen gesetzlichen Urlaubsanspruch für die Eltern gibt es in vielen Fällen nicht.

In der favela in Sao Paulo gibt es seit vielen Jahren ein Zentrum für Kinder und Jugendliche. Dort werden jetzt 120 Jugendliche im Alter von 5-16 Jahren betreut. Es finanziert sich zunehmend aus Spendenmitteln und wird leider nur noch zu einem geringen Teil staatlich unterstützt. Es umfasst die Betreuung und Freizeitgestaltung der Kinder, sowie 2 warme Mahlzeiten am Tag. Um die Fortführung der Betreuung zu gewährleisten, unterstützten wir dieses Projekt in diesem Jahr verstärkt.

Zusätzlich starteten wir im letzten Jahr in diesem Zentrum das Projekt „neue Erfahrungen“, die Zielgruppe sind die 13-16-jährigen.  Den künftigen Schulabgängern werden hier Kurse zur Berufsfindung angeboten. Wir nutzen hier unsere vorhandenen Strukturen, um die Kinder und Jugendlichen mit praktischen Erfahrungen in Kontakt zu bringen.

Auch im Jahr 2016 gab es ein mehrtägiges Kursangebot in der Bäckerei. Die Jugendlichen lernten wie ein Arbeitstag abläuft, backten Verschiedenes, z.B. Kuchen, Brot, Pizzen.

Unseren Vorsatz, die Schneiderei mit einzubinden, konnten wir erfüllen.  Da uns durch unser Schneidereiprojekt, Nähmaschinen und gutes Personal zur Verfügung stehen, startete auch dort ein Kurs, der großen Anklang fand.

In beiden Einrichtungen wurden je 8 Kurse mit je 30 Teilnehmern im Jahr durchgeführt. Die Materialkosten haben wir komplett übernommen.

 

Einige Worte möchten wir noch zu unseren Projekten sagen, die wir in den letzten Jahren intensiv unterstützt haben und die jetzt immer unabhängiger von unseren Spendengeldern werden.

Der Kindergarten, in welchem sich auch unsere Ambulanz befindet, und dessen Bau wir mitfinanziert haben, wird sehr gut angenommen und ist ständig bis auf den letzten Platz belegt. Er wird im Moment durch andere Organisationen unterstützt.

Die Schneiderei und das Geschäft finanzieren sich selbst. Es werden weiterhin Produkte für den Eigenbedarf in der favela gefertigt, wie Schürzen für die Schneiderei, Bettlaken und Bezüge für die Kindergärten und Schuluniformen. Zusätzlich werden Produkte auf öffentlichen Märkten verkauft, dabei fehlt es ihnen nie an Ideen für neue Kreationen. Von uns aus Deutschland bekommen sie regelmäßig Zeitschriften mit Schnittmustern zugeschickt, die mit Begeisterung Verwendung finden.

Auch das Ausbildungsprojekt in der Bäckerei hat sich etabliert und ist weiterhin sehr erfolgreich. Das deutsche Ausbildungssystem aus einem Zusammenspiel zwischen Theorie und Praxis hat sich bewährt. Leider konnten wir im letzten Jahr nicht alle Jugendliche in eine feste Anstellung vermitteln, was auch an der sich zuspitzenden Arbeitsmarktsituation in Brasilien liegt. Unsere Mitarbeiter stehen stets den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite.

Wir danken allen unseren Spendern für ihre Hilfe und Zusammenarbeit und wünschen Ihnen ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2017!

Weitere Informationen zu unserem Partner vor Ort finden sie auch unter:

http://www.rainhadapaz.org